ursprünglich 2007 verfasst:
Fr., 22. Jun. – Southside Festival 2007
Es fing damit an, dass irgendwer die bekloppte Idee hatte, ein Festival in Baden-Württemberg als Reiseziel zu nennen. Im Vergleich zum näher gelegenen Hurricane wurde man mit der „süddeutschen Schönwetter-Garantie“ und der geringeren Besucherzahl überzeugt. Das Southside findet jedes Jahr in Neuhausen Ob Eck statt, einem beschaulichen, hügeligen Dorf auf der schwäbischen Hochalb nur unweit vom Bodensee entfernt. Von Leipzig kann man das mit über 600 km nicht unbedingt behaupten. Und in Zeiten von Benzinüberteuerung und Rohöl-Preistreiberei ist die schwäbische Hochalb nicht grade ein kostenfreundliches Ausflugsziel für das studentische Portemonnaie.
Noch vor der Abfahrt erreichte uns die Meldung, dass Mittwoch und Donnerstag ein heftiger Sturm über dem Festival-Gelände gewütet hatte bei dem sogar ein Sanitäter ums Leben kam. Dabei wurde die Zeltbühne so stark beschädigt, dass sie nicht wieder aufzubauen war. Man munkelte sogar, dass die Konzerte, die auf dieser 3. Bühne stattfinden sollten, abgesagt würden. Doch wir wollten den Teufel nicht an die Wand malen. Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Zu allem Überfluss kam bei dem Sturm ein Sanitäter ums Leben, der von einer Metallstange erschlagen wurde. Super! Festival noch nicht mal angefangen und Stimmung schon mal voll im Arsch.
Freitag, Anreise
Und so rollten wir mit einem mulmigen Gefühl gegen 10.15 Uhr aus der Leipziger Plattenbau-Siedlung auf die A9 in Richtung Rock. Die Autobahnen waren weitgehend frei und so kam man nach einer kurzen Irrfahrt über die schwäbischen Landstraßen (es gab doch tatsächlich eine Umleitung) gegen 17.30 Uhr in Neuhausen an. Nach kurzem Stau auf der Ortsstraße wurden wir auf einen Parkacker (der natürlich mal wieder einmal viel zu weit vom Camping-Gelände entfernt war) zugeteilt. Unser heiliges orangefarbenes DDR-Zelt errichteten wir auf Campingplatz Nr. 9 (von 9), da dieser noch am wenigsten besiedelt war und man genügend Platz um sich herum hatte. Außerdem war unser Parkplatz nur 50 m von unserem Zelt entfernt. Einige Vorarbeiter hatten bereits den Abtrennzaun aufgehebelt und so konnten wir unser Hab und Gut entspannt und ohne lästige Taschenkontrolle (wegen evtl. Glasflaschen) zum Zelt befördern. Logistisch optimal.
Da es am Freitag, vor unserer Ankunft, größtenteils geregnet hatte, war der Boden so dermaßen aufgeweicht und schlammig, wie ich es auf noch keinem anderen Festival erlebt habe. Ständig sank man mit seinem Schuhwerk bis zu den Knöcheln ein und verhinderte mehr oder weniger erfolgreich, dass man sich nicht auf die Fresse packte. Andere waren augenscheinlich nicht so standhaft und so begegnete man ständig Schlamm-besudelten Menschen mit ernüchtertem Gesichtsausdruck. Einige schmerzfreie Zeitgenossen suhlten sich natürlich absichtlich im Matsch und umarmten anschließend jeden den sie kriegen konnten. Überhaupt erkannten wir recht schnell, dass wir mit unserem Campingplatz 9 nicht das schlechteste Los gezogen hatten. Wir waren zwar 15 Minuten zu den Bühnen unterwegs, dafür hatten wir aber unsere Ruhe bei den Zelten. Auf C1-8, die direkt am Rollfeld vor dem Konzertgelände lagen, standen die Zelte dicht an dicht und all die Bekloppten hatten sich dort niedergelassen. Auf besagter Rollbahn flanierten dementsprechend viele Freaks, Selbstdarsteller und ähnliches Gesocks und so langsam stellte sich auch bei mir das wohlige Festival-Feeling ein. Auf dem Konzert-Gelände angekommen, kämpften wir uns durch den Matsch hin zur grünen Hauptbühne. Dort spielten bereits
Incubus. Durch etwaige Probleme beim Zeltaufbau hatten wir bereits den Großteil des Konzerts verpasst. Doch ich hatte die Band eh schon zweimal gesehen. Zudem fand ich ihr aktuelles Album „
Light Grenades“ nicht sonderlich spannend. Die letzten Songs, die wir noch sehen konnten, waren dann auch älteren Semesters wie „
Nowhere Fast“, „
The Warmth“ und „
Wish You Were Here“ und so war ich ganz zufrieden. Der Sound war zwar etwas unkonstant (als würde er verweht werden, dabei gab es gar keinen Wind) aber ansonsten klar. Das Bühnenbild war in grünes und lila Licht getaucht und Brandon Boyd trug einen Hut – soviel zu Incubus anno 2007.
Der anschließende Headliner hieß
Marilyn Manson doch sein Auftritt war nicht unbedingt mitreißend und wirkte etwas deplaziert. Nicht das Mr. Brian Warner sich nicht ins Zeug gelegt hätte, aber seine standardisierte Psycho-Show ist über die Jahre so ausgetrocknet, wie die Schminke in seinem Gesicht. Ein 38 jähriger der mit seinen nicht weniger debilen Mitmusikern in gruseligen Outfits über die Bühne hüpft, ist 10 Jahre nach „
Antichrist Superstar“ alles andere als cool oder schockierend. Ein Mikrophon mit Messer-Spitze war noch das größte Novum der Show. Die Setlist war ein Hit-Rundumschlag nach Schema H wie „Hauptsache Hart“. „
The Beautiful People“ mag seit Jahren der feste Konzert-Rausschmeißer bei ihm und eingefleischten Fans sein, aber „überraschend“ geht anders. Nebenbei lauschten wir ein bisschen den
Editors auf der zweiten Bühne, aber wegen Unkenntnis gingen sie ohne großen Eindruck an mir vorbei. Nach Manson verließen die meisten von uns das Konzert-Gelände in Richtung Zelt. Mit Wencke wollte ich mir jedoch noch die letzte Band des Abends ansehen.
Me First and the Gimme Gimmes standen als Rausschmeißer auf dem Plan und wie lässt sich eine Party besser beenden, als mit einer Cover-Band die allseits bekannte Pop-Klassiker in kalifornischen Melody-Punk verwandelt? Die kalifornische All-Star-Truppe besteht aus Mitgliedern bekannter Punkbands wie
NOFX oder
Goldfinger und auch
Foo Fighters-Gitarrist Chris Shiflet ist mit von der Partie. Überraschend fand ich die guten Deutschkenntnisse des Sängers der immer zwischen den Songs so sinnvolle Ansagen machte wie „
Were send eyna Coverband! Were speelan Covers! Dee nexte Lead is eyne Cover!“. Aufgrund des
aktuellen Albums, welches vornehmlich Country-Hymnen verwurstet, erschien die Band in schwarzen Anzügen und weißen Cowboy-Hüten und so stammte auch der Großteil der Songs aus dem Country-Lager. „
Country-Roads“ von
John Denver, „
Jolene“ von
Dolly Parton“ oder „
Ring Of Fire“ von
Johnny Cash wurden mit genretypischem Harmonie-Gesang, Ufta-Ufta-Schlagzeug und Akkord-Geschruppe runtergeholzt. Dazwischen fanden sich auch andere Gassenhauer u.a. von den
Beatles,
Billy Joel oder
Elton John ein, zu denen man beherzt in den Moshpit stürmen konnte oder aus der Ferne das Tanzbein schwingen, sofern man sich in besagtem Matsch nicht hinpackte – so simpel, so effektiv, so kurzweilig.
Samstag
Der nächste Morgen begann unglaublich entspannt mit Waffel-Frühstück und Orangensaft bevor man zu Bier und Grillgut überging. Mittlerweile hatte uns die bittere Wahrheit ereilt, dass die Bands der 3. Bühne tatsächlich ersatzlos gestrichen wurden. Freudig erwartete Auftritte der
Blood Brothers,
Mutemath,
Biffy Clyro oder
Deichkind waren somit passé. Nicht einmal das als Abschiedstour geplante Konzert der schottischen Experimental-Rocker
Aereogramme wurde ersetzt. Der einzig positive Aspekt daran war, dass man sich nun am Sonntag nicht mehr zwischen ihnen und den
Beastie Boys entscheiden musste.
Nach einer nachmittäglichen Gitarrensession mit ein paar süddeutschen Zeltnachbarinnen unternahmen wir den ersten Ausflug auf das Konzertgelände an diesem lauwarmen Samstag.
Der schlammige Boden des Vorabends war mittlerweile getrocknet und so ragten stellenweise vereinzelte Utensilien wie Flaschen oder auch Schuhe aus der Erde. Die erste Band die bei mir auf dem Plan stand war
Satellite Party, die neue Band von
Perry Farrell, einer Ikone des Alternative Rocks. Nicht nur, dass der Mann Ende der 80er und Anfang der 90er als Frontmann von
Jane's Addiction das Genre begründete und auch anschließend mit
Porno for Pyros kreativ blieb, sondern dass er mit Lollapalooza wohl das 90er Alternative Festival überhaupt erschuf. Mit Satellite Party hatte er nun eine tanzbare Version von Rockmusik auf die Beine gestellt. Trotzdem scheute er sich nicht seiner Vergangenheit zu huldigen. Wir erreichten grade die Green Stage, da fragt der Farrell allen ernstes „
How are you living at such a Festival? Do you steal things? I did, I’ve… „
Been Caught Steeling“!!! Yeah, der Jane’s Addiction-Klassiker überhaupt. Also nix wie vor in den vorderen Bereich und Abhotten!!! Das Konzert selbst war dann auch verdammt cool und die Band wurde ihrem Namen wirklich gerecht. Die Songs animierten unweigerlich zum mitgrooven, Perry war gut bei Stimme und zu meiner Überraschung war der Leadgitarrist ebenfalls kein Unbekannter: Flitzefinger
Nuno Bettencourt, der einst bei
Extreme zur ersten Riege der Shred-Ära gehörte. Bei Satellite Party hielt er sich aber größtenteils zurück und ließ nur mit kurzen Licks und Tapping-Einlagen seine Klasse aufblitzen. Einzig die beiden weiblichen Bandmitglieder dienten mit ihren engen Tops und den kurzen Höschen wohl mehr der visuellen als der klanglichen Unterstützung. Nach recht kurzweiligen Songs und noch ein paar JA-Klassikern mehr, war die Party dann auch vorbei und man wartete auf
Porcupine Tree. Die englische Prog-Rock-Formation, die seit 1991 besteht, hat sich in den letzten 7 Jahren aus dem Underground vermehrt in die Öffentlichkeit gekämpft. Ich könnte mich auch nicht erinnern, dass die in den Jahren zuvor jemals auf so großen Rock-Festivals gespielt hätten. Dabei hätten sie mit dem 2003er „
In Absentia“ meiner Meinung nach schon mehr Bekanntheit verdient. Aber gut Ding will Weile haben, und wenn Frontmann Steven Wilson auch die nächsten 16 Jahre aussieht, wie ein 20jähriger Philosophie-Student, dann können sie sich auch Zeit lassen. Dabei hält die Band in ihrem vertrackten Gemucke öfters die ein oder andere Ohrwurm-Melodie parat und Steven Wilson versteht es mit seinem Organ dem Trommelfell zu schmeicheln. Um das unwissende Festival-Publikum für sich zu gewinnen, bestand das Set hauptsächlich aus härteren Tracks der letzten 3 Alben. Die psychedelisch-atmosphärischen Nummern der 90er finden kaum noch Beachtung. Und so heizt die Band die erste halbe Stunde mit Nummern wie „
Open Car“ oder „
Blackest Eyes“ vor. Der Sound ist anständig, das Drumkit drückt ordentlich und auch Wilsons Gesang kommt klar. Lediglich der Longtrack „
Anesthetize“ vom aktuellen Album „
Fear of a Blank Planet“ war meiner Meinung nach für ein Festival etwas unpassend. Verstohlene Blicke im Publikum während sich die Band in monotone Riffs und ungrade Takte verbeißt. Somit war’s ein solider Auftritt der doch einige Längen hatte.
Dem progressiven Soundreigen nicht genug, gingen wir schnurstracks zur Bluestage um uns von
Isis die Hirnmasse rösten zu lassen. Der sphärische Noise-Sechser hatte mit „
In the Absence of Truth“ eines der Highlights des vergangenen Jahres zusammengeschustert und man durfte gespannt sein, wie die Band die intensive Aura der dunklen Clubs auf der großen Bühne umsetzen würde. Dass sie es können, hatten sie erst letztes Jahr im Vorprogramm von
Tool in den USA gezeigt. Das Konzert begann verhalten mit ambient-artigem Geplänkel und Tribal Rhythmen doch nach und nach schichtete die Truppe aus Oakland die Gitarrenwände in die Höhe um sie mit einem Mal vor einem einstürzen zu lassen. Spätestens beim mächtigen Riffgewitter von „
Not in Rivers, But in Drops“ brach der Vulkan über einem aus. Zwischen den drückenden Soundkaskaden und den kernigen Growls von Aaron Turner ballerte einem die Sonne unermüdlich auf die Schläfe. Entgegen meiner Erwartung war die Performance von Isis erstaunlich intensiv trotz oder gar wegen dem gleißenden Sonnenlicht.
Nach dem Abendbrot, welches klanglich vom Auftritt der
Kings of Leon untermalt wurde, kehrten wir vor die Hauptbühne zu
Sonic Youth zurück Die Indi/Noise- Veteranen waren grad zugange. Es war nett sie einmal live zu sehen, da ihre Konzerte immer als sehr energetisch und experimentell galten, doch da ich mich noch nie großartig mit ihnen beschäftigt hatte, gingen die letzten Songs reglos an mir vorüber. Zumal Kim Gordon nicht unbedingt ein Goldkehlchen ist. Vielleicht bin ich auch einfach zu jung für diese Kapelle. Dann hieß es warten und der Platze füllte sich stetig.
Placebo waren als nächstes an der Reihe. Ich war bereits bei 2 Festivals bei denen Brian Molko & Co. aufgetreten sind, aber ich hatte mir noch nie ein komplettes Konzert von ihnen angeschaut. Teils aus Desinteresse oder weil ich zeitgleiche Bands lieber sehen wollte. Doch nach diesem Konzert muss ich anerkennen, dass die Jungs wissen was sie tun. Brian Molko glänzte mit fast fließendem Deutsch („Wir spielen heute für sie etwas Rock’n’Roll, oder Rock’n’Schwul“). Die Show war rundum gelungen und natürlich kann mit der Latte an Hits gar nichts schief gehen. Ein wirklich gutes Konzert.
Nun hieß es aber vorkämpfen für den Headliner des Abends, des Tages, des Festivals.
Pearl Jam live - endlich. Hinter der 2. Absperrung und zwischen anderen PJ-Fans (einige waren nur wegen ihnen da) ließ es sich gut aushalten. Das Bühnenbild zeigte eine farbenprächtige Landschaft. Die alten Recken kamen auf die Bühne geschlurft und griffen sich ihre Instrumente. Lets go!. Mit einem verdammt rockigen Intro-Trio – „
Go“, „
Do the Evolution“ und „
Animal“ - wird das Publikum sofort auf Betriebstemperatur gebracht. Und rockig ging es weiter: „
Corduroy“, „
World Wide Suicide“ oder „
Given to Fly“ waren die Anheizer. Der Stimmung und dem Mitsingfaktor im Publikum nach zu urteilen, war es bis jetzt das beste Konzert.
Eddie Vedder ließ zwischen den Songs wieder seine Sympathien spielen („
I will only talk English if that’s ok, but we’ll sing in German“). Während des Konzerts knallte er sich wieder seine obligatorische Flasche Rotwein rein (bei Solo-Konzerten schafft er zwei). Kurzeitig stieg er sogar zur ersten Reihe hinab und teilte seinen Rotwein mit ihnen. In Zeiten von pingeligem Gesundheitsfanatismus unter Musikern, wirkt so ein herzlicher Umtrunk doch erfrischend ehrlich. Ein Musiker, der seinen Alkoholismus so nah am Publikum auslebt, muss einfach down to earth sein. Auffällig ist die unglaubliche Gitarrenlastigkeit des gesamten Sets. Keine einzige Ballade kommt zum Zug, was für diese Band recht untypisch ist. Wahrscheinlich wollen die alten Recken die junge Generation mit den Rock-Hits für sich gewinnen. Dafür treten die beiden Gitarristen Stone Gossard und Mike Mc Cready das Distortion-Pedal weiter durch. Vor allem letzterer steigert sich ein ums andere Mal in seine unnachahmligen Gniedel-Attacken hinein. „
Spin the Black Circle“ und „
Life Wasted“ beenden das erste Brett. Der zweite Teil beginnt nicht weniger knallig. Mit „
Even Flow“ kommt der erste Klassiker vom Debüt „
Ten“ zum Zug. Eins ist klar, so schnell will hier niemand nach hause. So sieht es auch die Band. „
Why Go“ wird angestimmt und das Publikum singt lauthals mit. Selbst der von mir etwas überhörte Gassenhauer „
Alive“ entwickelt sich durch die Publikumschöre zu einem echten Highlight des Konzerts. Anschließend wird mit dem
Neil Young-Cover „
Rocking in the Free World“ die letzte Stimmungsrakete abgefeuert, danach ist Schluss. Schade, denn wenn man sich überlegt, dass die Band bei Soloshows locker 30 Songs spielt, wirkte dieser Festival-Auftritt nur wie ein kurzer Appetizer auf das, was noch hätte entstehen können. Vor allem durch das Fehlen von Balladen war die Show sicher um einige Gänsehaut-Momente ärmer. „
Black“ habe ich wohl am meisten vermisst, welches sonst eine Pflichtnummer auf Pearl Jam-Konzerten ist. Nichtsdestotrotz war ich zufrieden mit dem was ich bekam, und nicht traurig über das was hätte sein können. Ohnehin ist es bei Pearl Jams Fundus von über 7 Alben schwer, jedes Lieblingslied dabei zu haben.
Zum Abschluss schauten wir uns noch als Betthupferl die
Queens of the Stone Age auf der Blue Stage an, auf das sie uns ihre Lullabies to paralyse sangen. Die Jungs um Josh Homme sahen wir ja nicht zum ersten Mal und weil wir bereits recht ausgelaugt waren von den vorangegangen Konzerten, schauten wir uns das Ganze im Sitzen von ganz hinten an. Die Show war OK, hab sie zwar schon besser gesehen, aber es waren genügend „
Feel Good Hits“ dabei wie „
Go With The Flow“, „
No One Knows“ und auch neue Stücke wie „
Turnin’ On The Screw“ oder „
3's & 7's“ vom aktuellen Album „
Era Vulgaris“. Der abschließende „
Song for the Dead“ beförderte uns dann mit einem Arschtritt in unsere Zelte.
Sonntag
Der Sonntag machte seinem Namen alle Ehre und die „Schön-Wetter-Garantie“ offenbarte sich mit aller Gewalt. Wirklich jeder von uns holte sich ’nen Sonnenbrand, die einen mehr, die anderen weniger. Musiktechnisch war einiges los an diesem Tag.
The Sounds galten als erste heiße Nummer des Tages, aber Retro-80er-Pop-Rock ist nicht so mein Fall. Auch den dicklichen
Frank Black ließen wir links stehen. Als Frontmann der
Pixies wäre er um einiges reizvoller gewesen.
Mogwai beschallten die Hauptbühne mit ihren voluminösen Gitarrenteppichen, wirkten dort im nachtäglichen Sonnenschein jedoch nicht so einnehmend wie Isis am Tag zuvor.
Arcade Fire waren die erste Überraschung des Tages. Auf Platte eher weniger mein Fall, wussten die orchestralen Arrangements der kanadischen Indi-Familie auf der Open-Air-Bühne durchgehend zu gefallen und ließen zu keiner Zeit Langeweile aufkommen.
Bloc Party verfolgte ich bei einem kühlen Hefeweizen aus dem Paulaner-Biergarten, der seitlich zwischen den beiden Bühnen gelegen war – Ja, das ist der Vorteil an süddeutschen Festivals. Der Auftritt der Band war sehr sympathisch, Front-Locke Kele Okereke versprühte sichtlich gute Laune. Als er am Ende des Konzerts sogar in die Massen sprang um mit dem Publikum zu tanzen, wurde er dem Bandnamen mehr als gerecht.
Auf der Blue Stage performte derweil ein ganz in weiß gekleideter
Conor Oberst und seine
Bright Eyes. Der vermeintliche Halbgott aus Omaha teilte sich mit einem halben Orchester die Bühne. Die opulente Instrumentierung machte seine schnarchigen Folkstücke aber auch nicht besser – für mich zumindest. Anschließend fand auf beiden Bühnen eine Schweigeminute für den Sanitäter statt, der am Mittwoch ums Leben gekommen war. Dazu kamen all seine Kollegen auf die Bühne und baten um Mitgefühl für den Verstorbenen als auch für einen zweiten Kollegen, der mit schweren Verletzungen im Krankenhaus lag. Anständigerweise folgte der Großteil der Aufforderung und das Gelände war für eine Minute totenstill.
Interpol gaben anschließend, passenderweise ganz in schwarz gekleidet, eine bemüht coole Performance. Die Band wirkte unterkühlt und routiniert. Mit regungslosen Mienen spielte sich die Band durch ihr Programm. Interpol hat ein paar gute Nummern wie „
Evil“ oder „
Slow Hands“ aber dennoch wirkte das alles zu monoton. Paul Banks hat definitiv ein eigenständiges Organ aber ebenso limitiert. Zudem hat der Typ die Ausstrahlung einer Bratkartoffel. Parallel dazu spielten
Die Fantastischen Vier auf der Großen Bühne ihren Heimvorteil aus. Die Fantas gelten zu Recht als Pioniere im Deutschrap. Mit den Songs neueren Datums kann ich allerdings nichts anfangen. Mit „
Alles so einfach“ bekam ich auch gleich so ein Unlied aufgetischt. Nach „
Der Picknicker“ verließen wir dann das Konzertgelände. Ältere Klassiker wie „
Populär“ oder „
Tag am Meer“ hörten wir uns vom Zeltplatz aus an, genauso wie das seichte Liedgut von
Snow Patrol. Frisch gestärkt begaben wir uns zur letzen Band des Festivals und die hatte es in sich – die
Beastie Boys. Den Auftritt verfolgte ich von der Empore im „Das Ding“-Zelt und hatte somit einen wunderbaren Überblick über den riesig groovenden Menschenteppich, der auf dem gesamten Platz abhottete. Zwischen derben Rhymes und fetten Beats zeigten MCA; Ad-Rock und Mike-D dass sie auch an den herkömmlichen Instrumenten abrocken können. Ihre Crossover- und Punkkracher erreichten teilweise schon Speed-Metal-Niveau. Haus- und Hof-DJ Mix Master Mike hatte sein eigenes Podest auf dem er den Massen mit seinen Turntables einheizte. Hits wie „
Body Movin'“, „
Sure Shot“, „
No Sleep Till Brooklyn“ oder „
So What'Cha Want“ brachten den ganzen Platz zum Kochen. Dazwischen bekam man wirklich hörenswerte Instrumentals vom aktuellen Album "
The Mix-Up" zum Entspannen geliefert. Das Ende wurde mit einem enorm fetten „
Intergalactic“ eingeläutet. Und gibt es einen besseren Festival-Abschluss-Song als „
Sabotage“??? Obergeil, erste Sahne und zusammen mit Pearl Jam das definitive Highlight des Wochenendes.
Montag, Abreise
Am Montag verspeisten wir gemütlich die Reste unseres perfekt kalkulierten Proviants zum Frühstück. Anschließend räumten wir in aller Ruhe das Feld, während auf C1-4 die Hamas gegen die Fatah von C5-8 die letzte Schlacht schlug. Überhaupt kann man dieses Festival am besten mit „entspannt“ beschreiben. Das lag sicher auch daran, dass in diesem Jahr einige unserer Stimmungskanonen nicht dabei waren aber auch, weil wir über die Jahre schon so routiniert und planungssicher geworden sind, dass alles in geregelten Bahnen ablief – fast schon langweilig. Der Bierkonsum hielt sich in Grenzen. Außerdem erreichte unser Komfort mittlerweile fast schon dekadente Ausmaße. Die Verpflegung beschränkte sich nicht mehr nur auf Grillfleisch und Toast, wir ernährten uns sogar vitamin- und abwechslungsreich in Form von Obst, Apfelmus, Waffeln, Marmelade und Dosenspagetti. Wir hatten sogar einen geregelten Tagesablauf mit Frühstück, Mittag und Abendbrot. Durch die ruhige Atmosphäre unseres Zeltplatzes konnten wir die Nacht ohne randalierende Zeltnachbarn durch- und ausschlafen. Außerdem hatten wir direkt vor unserem Zeltplatz die sanitären Wasch-, Dusch- und WC-Anlagen (Ich war die gesamten 3 Tage nicht einmal auf einer Dixie-Toilette). Kurzum, rollten wir ausgeruht vom Neuhausener Hochacker. Während ich letztes Jahr die 250 Km von Nürnberg total ausgelaugt auf dem Fahrersitz fast weggepennt wäre, hätte ich diesmal noch locker bis zur Ostsee durchfahren können.
Aber sollte sich in den nächsten Jahren wieder so ein cooles Line-Up bei diesem Festival ergeben, würde ich doch wieder das Hurricane vorziehen. Die 600km waren zwar nicht so anstrengend, wie ich befürchtet hatte, aber die Tankkosten sind nur halb so hoch. Die Prognose, dass das Southside kleiner und familiärer als der große Bruder im Norden wäre, ist meiner Meinung nach, auch nicht (mehr) der Fall. Und in Zeiten der Klimaerwärmung kann man sich sogar auf Malle die Schön-Wetter-Garantie in die Haare schmieren.